"Mein Kind ist keine Leuchte?" – Warum wir aufhören müssen, das Licht unserer Kinder (und unser eigenes) zu dimmen

Veröffentlicht am 10. März 2026 um 11:27

Aus aktuellem Anlass möchte ich gern einen Blogbeitrag, außer der Reihe, teilen, denn eine Erkenntnis hat mir etwas Wichtiges gezeigt. 

Da fiel er nun der Satz "mein Kind ist nun wahrlich keine Leuchte".

Grafische Darstellung Elternabend - Bewusstseinarchitketin Jenny Sieber

Elternabend in der Schule

 

Ein Satz, ein Lachen, ein ganzer Saal voller Spiegel.

Neulich saß ich in einem Elternabend. Zwischen organisatorischen Dingen und pädagogischen Konzepten fiel dieser eine Satz:

"Mein Kind ist nun wahrlich keine Leuchte."

 

Die Menge lachte. Es klang wie ein befreiendes, fast schon ertapptes Lachen. In diesem Moment schien ein unsichtbares Band der Erleichterung durch den Raum zu gehen: "Gott sei Dank, ich bin nicht allein. Mein Kind ist auch nicht perfekt. Ich darf das auch mal sagen."

 

 

Doch während das Lachen noch im Raum nachhallte, passierte in mir etwas anderes. Es wurde ganz still. Ein tiefes Nachdenken setzte ein, das mich bis heute nicht loslässt.

Ich fragte mich: Wer hat hier eigentlich gerade wirklich versagt?


Der Stempel, der zur Wahrheit wird

 

Dieser Satz – „keine Leuchte zu sein“ – ist mehr als nur eine flapsige Bemerkung. Er ist ein Etikett. Ein Stempel. Und ich kenne diesen Stempel nur zu gut.

In der 8. Klasse wurde mir genau dieser Stempel aufgedrückt. Ein Lehrer gab mir und meinen Eltern zu verstehen: "Ihr Kind wird in diesem Fach nie eine Leuchte sein."

Was folgte, war eine klassische Abwärtsspirale. Ich nahm diesen Stempel an. Ich verinnerlichte ihn. Ich entwickelte eine tiefe Angst vor diesem Fach.

Diese Angst war so mächtig, dass sie mich bis ins Studium begleitete. Selbst Jahre später, als ich vor der entscheidenden Prüfung stand, hörte ich im Hinterkopf noch die Stimme aus der 8. Klasse. Die Durchfallquote im Studium lag bei 80 %.

Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass mein „Stempel“ Recht behalten würde, war enorm hoch.

Und was passierte? Ich war unter den 20 %, die bestanden haben. Auf Anhieb.


Die Lüge der „Leuchtkraft“

 

In dem Moment, als ich die Prüfung bestand, zerbrach der Stempel. Aber der Schaden, den er über ein Jahrzehnt angerichtet hatte, war real.

 

Wenn wir über unsere Kinder sagen, sie seien "keine Leuchte", tun wir drei gefährliche Dinge:

  1. Wir delegieren die Verantwortung: Wenn das Kind "einfach nicht begabt" ist, müssen wir nicht mehr genau hinschauen, warum es vielleicht gerade den Zugang verliert oder wo seine wahre Leidenschaft liegt.

  2. Wir erschaffen eine Selbsterfüllende Prophezeiung: Kinder sehen sich durch die Augen ihrer Eltern. Wenn wir ihnen das Licht absprechen, hören sie auf, nach dem Schalter zu suchen.

  3. Wir schützen unser eigenes Ego: Oft sagen wir solche Sätze, um dem Druck der Leistungsgesellschaft zuvorzukommen. Bevor jemand anderes sagt, mein Kind sei nicht gut genug, sage ich es lieber selbst – als vermeintlich "lockere/r" oder "realistische/r" Mutter oder Vater.


Wer versagt hier wirklich?

 

 

Ist es das Kind, das in einem oft starren, veralteten System nicht hell genug strahlt?

Oder ist es das System – und wir als Teil davon –, das nur eine einzige Art von Licht akzeptiert?

 


Wenn ein ganzer Raum voller Eltern über die vermeintliche Mittelmäßigkeit ihrer Kinder lacht, dann ist das ein kollektives Eingeständnis von Ohnmacht. Wir haben gelernt, dass man "Leuchten“ muss, um wertvoll zu sein. Und wenn das Kind nicht leuchtet, wird der Mangel humorvoll verpackt, um den Schmerz nicht zu spüren.

 

Dabei ist die Wahrheit: Jedes Kind ist ein Licht. Aber nicht jedes Licht brennt auf der Frequenz, die in der Schule mit Noten gemessen wird.

 

Bewusstsein heißt: Den Stempel verweigern

 

Mein Erfolg im Studium hat mir gezeigt: Ich war immer fähig. Ich war nur durch ein Label blockiert, das mir jemand anderes aufgeklebt hatte. Welches ich anschließend, viele Jahre, glaubte. 


Heute möchte ich dich – als Elternteil, als Lehrer, aber vor allem als Mensch, der vielleicht selbst noch einen alten Stempel mit sich herumträgt – dazu einladen, kurz innezuhalten:

 

  • Welche Sätze über dich oder deine Liebsten nimmst du als "gegeben" hin?

  • Wo lachst du mit, obwohl es eigentlich dein Herz schwer macht?

  • Wessen Licht dimmst du unbewusst, nur um dem Standard zu entsprechen?

 

Es ist Zeit, die Stempel abzureißen. Mein Kind ist vielleicht keine "Leuchte" in deinem System. Aber es ist das Universum in meinem. Und das ist mehr als genug.

 

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.